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9.11.09
Schulstreik am 17. November: Die Zeit der Forderungen ist vorbei!
Ein
Gespenst geht um in Europa. Und überall wo es auftaucht, macht sich Panik breit.
In den französischen Banlieues, in den griechischen Großstädten und auf den
Straßen Neuköllns wurde es schon gesichtet. Ein Heer von Sozialarbeiter_innen,
Lehrer_innen, Soziolog_innen, Aufstandsbekämpfungsbullen, Stadtentwickler_innen,
Talkshowmoderator_innen, Schmieren-Journalist_innen, Wirtschaftsvertreter_innen
und Politiker_innen zerbricht sich den Kopf darüber, wie es gezähmt werden kann.
Ihrer Meinung nach ist dort, wo es auftaucht, der gesellschaftliche und soziale
"Friede" in Gefahr. Mal heißt das Gespenst "Jugendgewalt", mal
"Integrationsdefizit", doch gemeint ist
immer die Angst vor einer ständig wachsenden Schicht perspektivloser und
wütender Jugendlicher.
Eine Schicht junger Menschen, die in einem maroden Schulsystem ihre Strafstunden
absitzen muss, obwohl ihnen jede Hoffnung, durch Bildung die soziale Leiter
heraufzuklettern, längst genommen worden ist. Nicht einmal mehr die
Vertreter_innen des Schulsystems glauben noch daran, dass die Schule ihnen
helfen wird, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Er steht für die meisten
von vornherein fest: unten. Das einzige, was die Schule ihnen noch beibringt,
ist, ihre Träume zu begraben und ihre Bedürfnisse herunterzuschrauben. Vom
Zugang zu den Fleischtöpfen der kapitalistischen Reichtumsproduktion weitgehend
ausgeschlossen halten sie sich durch einer Mischung aus Hartz-IV und
Kleinkriminalität über Wasser. Oder sie rackern sich zu Hungerlöhnen für ein
kleines Stückchen vom Reichtumskuchen den Arsch ab. Aber kaum jemand glaubt noch
an das liberale Märchen, nach dem der kapitalistische Arbeitsmarkt für alle, die
sich nur genug anstrengen, Wohlstand und Glück bereithält. Vom kapitalistischen
Produktionsprozess als "überflüssig" wieder ausgekotzt, vegetiert Mensch in
sogenannten "Problemkiezen" vor sich hin, wird von Bullen verprügelt und von
Sozialpädagog_innen für sein angebliches Scheitern selbst verantwortlich
gemacht. Das macht natürlich sauer. Und zwar richtig sauer.
Damit die Sicherungen nicht durchknallen, wird diese immer größer werdende Masse
für den kapitalistischen Markt "unprofitabler" Jugendlicher von einer
regelrechten Armee aus Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen,
Quartiersmanager_innen, Polizist_innen, Richter_innen, Staatsanwält_innen
und Gefängnisswärter_innen dizipliniert und ruhig gehalten. Scheinheilige
Integrationsangebote und Sozialprogramme auf der einen, brutale Polizeigewalt,
Knast und staatliche Repression auf der anderen Seite sollen einen dazu bringen,
die eigene Situation als naturgegeben hinzunehmen und die Fresse zu halten. Doch
europaweit häufen sich die Anzeichen dafür, dass dieses System aus "Zuckerbrot &
Peitsche" nicht mehr so Recht funktionieren will. Im Herbst 2005 explodierte die
Wut der Jugendlichen in den französischen Banlieues, im Winter 2008 erschütterte
eine militante Jugendrevolte Griechenland. Und auch anderswo brodelt es. Immer
öfter wird deshalb gleich zur "Peitsche" gegriffen. Statt "erzieherische"
Maßnahmen für die Jugend zu fordern, ist in Medien und Politik immer häufiger
von erweiterten Polizeibefugnissen und dem Wegsperren des "asozialen Gesindels"
die Rede. Und auf Worte folgen leider
Taten: Für immer mehr proletarische Jugendliche enden die bürgerlichen
Glücksversprechen direkt in Jugendknästen, Heimen oder Psychatrien.
Im Zuge der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise werden sich die
Lebensbedinungen junger Menschen noch weiter verschlechtern. Immer mehr
Jugendlichen wird die Perspektivlosigkeit der eigenen Existenz innerhalb
kapitalistischer Marktgesetze deutlich. Doch ein Ausweg aus dem Irrsinn eines
Wirtschaftssystems, das nicht für die Bedürfnisse der Menschen sondern für den
Profit privater Eigentümer_innen produziert, scheint undenkbar. Das einzige, was
den Gewerkschaften und der gesellschaftlichen Linken angesichts der aktuellen
Krise einfällt, ist, soziale Reformen, Konjunkturpakete und eine stärkere
Kontrolle der Finanzmärkte zu fordern. Eine Gesellschaft jenseits von Märkten,
Waren, Preis und Mehrwert steht dort leider nicht zur Debatte. Adressat aller
Forderungen und Begehrlichkeiten ist der kapitalistische Staat. Die Jugendlichen
aus den Vororten von Paris und den "gefährlichen Bezirken" in Athen sind da
schon einen Schritt weiter. Sie haben die Sinnlosigkeit des Appellierens an den
Staat verstanden. Während der Revolten verzichteten sie auf Formen politischer
Repräsentation, stellten keine "konstruktiven" Forderungen sondern artikulierten
ihren Unmut über ihre Lebenssituation indem sie sich
ein paar "Freudenfeuer" genehmigten. Die Botschaft war eindeutig: "Es geht uns
beschissen, wir haben die Schnauze voll!" Die Kraft der Aufstände lag darin, den
Schwindel repräsentativer Politikformen begriffen zu haben und sie nicht
nachzuahmen. An kein mythisches Kräfteverhältnis appelliert, sondern auf der
Straße ein reelles geschaffen zu haben, es selbst zu sein. In den Angriffen auf
Polizeistationen, Schulen, Öffentlichen Nahverkehr und Privatautos gaben sie
ihrer Wut Ausdruck. Zwar fehlte ihnen eine revolutionäre politische Perspektive,
jedoch haben sie begriffen, dass sie sich auf niemand anders verlassen können,
als auf ihre eigene Stärke und die ihrer Klasse. Und die Revolten in Frankreich
und Griechenland waren nur die Vorboten kommender Aufstände.
Auch in Berlin kommt es in den letzten Jahren immer häufiger zu Protesten, die
schwer von der Zivilgesellschaft und der reformistischen Linken zu vereinnahmen
sind. Proteste, die der Gesellschaft nichts weiter sagen wollen als ein lautes
"Fickt euch". Am 31. Dezember 2008, wenige Tage nach der Revolte in
Griechenland, griffen über 1000 Jugendliche eine Polizeiwache im Prenzlauer Berg
mit Steinen und Feuerwerkskörpern an, am 1. Mai 2009 kam es in Berlin-Kreuzberg
zu den schwersten Ausschreitungen seit langem und Nacht für Nacht gehen Autos in
Brand auf. Auch in den vergangenen Schüler_innen- und Studierendenprotesten war
eine neue Wut zu spüren. Während die jeweiligen Bündnisse meist klassische
Forderungen nach Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, bessere Lernbedingungen
und mehr Geld aufstellten, manifestierte sich auf den Straßen und in den
bestreikten Schulen die Lust auf konkrete Akte der Verweigerung. In einigen
Städten kam es zu Besetzungen öffentlicher Gebäude, Sachbeschädigungen und
Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Lektionen, die uns die französischen
und griechischen Jugendlichen erteilt haben, sollten wir für den kommenden
Schulstreik beherzigen: Nicht mehr so sehr auf seriöse politische Forderungen zu
setzen und sich Medien und Politik als "konstruktiver" Gesprächspartner
anzudienen, sondern auf den unvereinnehmbaren, subjektiven und wilden
Widerstand. Denn ihr Interesse an unseren Schulstreiks und Forderungen ist
geheuchelt. In ihrem System gibt es für uns und unsere Bedürfnisse keinen Platz.
Alles was zählt ist
unsere Wut.
Wir werden nicht mehr still sein.
Wir werden nicht mehr zuhören.
Pure Hate! Wir sind wütend!
Die Zeit der Forderungen ist vorbei: Schulstreik am 17. November 2009
Unterstützende Gruppen des Aufrufs:
Antifaschistische Jugendaktion Kreuzberg [AJAK]
Antifaschistische Initiative Reinickendorf [AIR]
Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin [arab]
Antifaschistische Linke Berlin [ALB]
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